Eine individuelle Bewertung ist dann zulässig, wenn für einen Anwendungsfall keine verallgemeinerte Methode existiert oder fachliche Gründe gegen die Verwendung einer verallgemeinerten Methode schriftlich gegenüber der Energieeffizienz-Monitoringstelle dargelegt werden.

Sie ist notwendig, um die Energieeinsparung, welche die Umsetzung einer Maßnahme mit sich bringt, quantifizieren zu können. § 2 (2) Z5 der Energieeffizienz-Richtlinienverordnung (RL-VO) definiert eine „individuelle Bewertung“ als „eine gutachterliche Evaluierung von Energieeinsparungen“.

Das heißt, zur Untermauerung der mittels individueller Bewertung berechneter Energieeinsparungen, ist stets ein Gutachten gefordert, welches der Maßnahmenmeldung beizulegen ist.

Der Ablauf zur Erarbeitung von individuellen Bewertungen ist in § 5 (2) RL-VO festgelegt und ähnlich wie bei der Entwicklung von verallgemeinerten Methoden:
 

Erster Schritt
Ermitteln der normierten und normalisierten Endenergieeinsparungen je Energieeffizienzmaßnahme.

Zweiter Schritt
Die Definition einer Anleitung für die Aggregation der Endenergieeinsparungen der Energieeffizienzmaßnahme über die in der jeweiligen Verpflichtungsperiode insgesamt durchgeführten Energieeffizienzmaßnahmen.

Dritter Schritt
Festlegung der Lebensdauer der Energieeffizienzmaßnahme

Hinweis:
Dieser Ablauf der Bewertung muss bei individuellen Bewertungen nur bei Energieeffizienzmaßnahmen mit Energieeinsparungen von mehr als 15 MWh erfolgen, wobei idente Energieeffizienzmaßnahmen eines Maßnahmensetzers innerhalb eines Verpflichtungszeitraumes für die Berücksichtigung des 15 MWh-Schwellenwertes zusammenzurechnen sind.
 

Die gelisteten Bewertungsschritte lassen sich anhand des folgenden Beispiels verdeutlichen:

In der Fertigungshalle eines Industrieunternehmens können durch prozesstechnische Adaptionen und durch Einsatz neuer Fertigungsmaschinen der Energieverbrauch pro Stück gesenkt und gleichzeitig die Jahresstückleistung erhöht werden.
 

Erster Schritt
Messung der Energieeinsparung je Fertigungseinheit und Überprüfung, ob diese Effizienzverbesserung nicht zweimal (zum ersten über die Prozessoptimierung und zum zweiten über den Maschinentausch) gezählt wird.
 

Zweiter Schritt
Definition, wie die Hochrechnung auf die jährliche Gesamtproduktion zu erfolgen hat.
 

Dritter Schritt
Beurteilung der Lebensdauer der Produktionsumstellung, etwa anhand der Abschreibungszeiten der Maschinen.

 

Doppelzählungsverbot
Jede individuelle Bewertung ist, damit die Maßnahmen angerechnet werden können, gesondert auf mögliche Doppel- oder Mehrfachzählungen hin zu prüfen. Insbesondere ist das Zusammenwirken mit anderen verallgemeinerten Methoden oder individuellen Bewertungen bei der Erstellung zu prüfen. Allfällige Doppel- oder Mehrfachzählungen sind zu korrigieren. Beim Doppelzählungsverbot geht es um das Verbot der mehrfachen Inanspruchnahme der vollen bzw. gleichen Energieeinsparung durch beispielsweise zwei verpflichtete Unternehmen. Nicht vom Doppelzählungsbegriff erfasst sind jedoch Fälle, in welchen beispielsweise zwei Verpflichtete gemeinsam eine Effizienzmaßnahme setzen und sich jeweils die Hälfte anrechnen lassen wollen.

Ein Leitfaden für die individuelle Bewertung einer Energieeffizienzmaßnahme ist hier als Download erhältlich:


 (Leitfaden individuelle Bewertungen einer Energieeffizienzmaßnahme)

Ermitteln der Endenergieeinsparungen

Gemäß § 4 (1) RL-VO berechnen sich die Endenergieeinsparungen aus der Differenz zwischen dem normalisierten Endenergieverbrauch vor Setzen einer Energieeffizienzmaßnahme (Baseline) minus den normalisierten Endenergieverbrauch nach Setzen der Maßnahme. Für die Bestimmung der Baseline gibt es zwei Möglichkeiten:

 
Mögliche Quellen für Angaben zum Energieverbrauch und der Lebensdauer sind:

  • Energierechnungen
  • gesetzliche Regelungen oder rechtliche Mindeststandards
  • ausgearbeitete Normen sowie darauf basierende Berechnungstools
  • gesicherte Herstellerangaben
  • repräsentative Messungen
  • wissenschaftliche Studien und Gutachten
  • repräsentative Statistiken und Datenbanken

 
Festlegung von Referenz- und Standardwerten

Wenn im Rahmen von individuellen Bewertungen Referenz- und Standardwerte erforderlich sind, können diese mittels Messungen, Abschätzungen oder empirischen Erhebungen bestimmt werden. Schätzungen sind allerdings nur dann zulässig, wenn die Ermittlung belastbarer gemessener Daten mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand nicht möglich ist und Schätzungen anhand anderer belastbarer Datenquellen (siehe oben) hergeleitet werden kann. Dieser Umstand ist vom Gutachter schriftlich gegenüber der Monitoringstelle zu begründen.

Empirische Erhebungen sind insbesondere bei verhaltensorientierten Energieeffizienzmaßnahmen, die über ein geändertes Nutzerverhalten Energieeinsparungen mit sich bringen, sowie zur Bestimmung der marktüblichen Durchschnittstechnologie und der durchschnittlich im Bestand befindlichen Energieverbrauchsgeräte einzusetzen.

Hinweis:
Im Falle von individuellen Bewertungen sind bei verhaltensorientierten Energieeffizienzmaßnahmen Erhebungen nur bei Energieeffizienzmaßnahmen mit Energieeinsparungen von mehr als 15 MWh anzuwenden, wobei idente Energieeffizienzmaßnahmen eines Maßnahmensetzers innerhalb eines Verpflichtungszeitraumes für die Berücksichtigung des 15 MWh-Schwellenwertes zusammenzurechnen sind. Bei der Festlegung von Referenz- und Standardwerten sind auch die in einer verallgemeinerten Methode festgelegten Werte zu berücksichtigen.

Die Anforderungen an Messungen sind in § 8 RL-VO festgelegt.

 
Normalisierung des Energieverbrauchs
Zum Zweck der Festlegung der Baseline werden die Energieverbrauchswerte bezüglich externer Faktoren, welche die Berechnung der Energieeinsparungen nicht verfälschen sollten, normalisiert. Die Normalisierung des Energieverbrauchs bei verallgemeinerten Methoden hat in Form von Anpassungsfaktoren zu erfolgen, wodurch die Wirkung systemfremder Faktoren, welche die Berechnung der Energieeinsparungen verfälschen könnten, bestmöglich ausgeschlossen werden kann. Systemfremde Faktoren sind insbesondere:

  1. externe Faktoren, wie zB Wetter, Betriebszeiten für Gebäude, Produktionsverhältnisse;
  2. technische Wechselwirkungen;
  3. das Nutzungsverhalten.
     

Hinweis:
Abweichend von diesem Vorgehen kann bei individuellen Bewertungen für die Berechnung der Baseline auf Ist-Werte abgestellt werden. Eine Normalisierung hat bei individuellen Bewertungen nur bei Energieeffizienzmaßnahmen mit Energieeinsparungen von mehr als 15 MWh zu erfolgen, wobei idente Energieeffizienzmaßnahmen eines Maßnahmensetzers innerhalb eines Verpflichtungszeitraumes für die Berücksichtigung des 15 MWh-Schwellenwertes zusammenzurechnen sind.

 
Anforderungen an Gutachter für individuelle Bewertungen
Gutachten und Studien müssen, damit die von ihnen abgeleiteten Effizienzwerte und Abschätzungen in eine individuelle Bewertung einfließen können, eine Reihe von Anforderungen erfüllen, die in § 9 der Richtlinien-Verordnung bestimmt sind. Im Zentrum der Regelungen steht die Person des Gutachters. Dieser muss mindestens einer der folgenden Anforderungen gerecht werden:

a) Er ist ein zugelassener oder zertifizierter Gutachter, dessen Zertifikat von einer akkreditierten Prüf- und Überwachungsstelle oder einer staatlichen Zulassungsstelle überprüft wird (EMAS-Gutachter)
 
b) Er ist ein unabhängiger, staatlich anerkannter Wissenschaftler (z.B. Universitätsprofessor)
 
c) Er ist ein allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger
 
d) Er ist ein Ziviltechniker oder Angestellter/Geschäftsführer eines technischen Büros aus einem einschlägigen Fachgebiet (z.B. Architektur, Bauphysik, Elektrotechnik/Elektronik, Maschinenbau/ Maschineningenieurwesen, Wirtschaftsingenieurwesen, Technischer Umweltschutz/Umwelttechnik und Verfahrenstechnik)
 
e) Er ist ein gemäß § 17 EEffG für den jeweiligen Bereich qualifizierter und am Register der qualifizierten Energiedienstleister registrierter Energieauditor
 
Jeder Gutachter gemäß Z 1 muss profunde Kenntnisse in Form von nachweislichen Qualifikationen auf dem Gebiet, für welches das Gutachten erstellt wird, aufweisen.
 
Jeder Gutachter hat von seinem Auftraggeber sowie von den durch das Gutachten oder die Studie betroffenen Unternehmen weisungsfrei und unabhängig zu sein.
 
Aus den Untersuchungsgegenständen von Gutachten und Studien müssen konkrete Erkenntnisse und Ergebnisse abgeleitet werden, die verständlich zu dokumentieren und zusammenzufassen sind. Die Zusammenfassung muss den inhaltlichen Kriterien des § 10 Abs. 1 entsprechen; es muss problemlos und ohne Aufwand möglich sein, daraus eine Effizienzmethode mit den Inhalten gemäß § 10 zu entwickeln.

Hinweis
Der gesamte Inhalt dieser Website bezieht sich auf das Energieeffizienzgesetzes (BGBl I Nr. 72/2014 – kurz EEffG). Viele Bestimmungen dieses Gesetzes (wie z.B. die Lieferantenverpflichtung oder die Auditverpflichtung für große Unternehmen) haben einen Geltungsbereich bis 31.12.2020. Ab dem Jahr 2021 sind die Vorgaben des novellierten Energieeffizienzgesetzes (EEffG Neu) abzuwarten.
Von Seiten des BMK wurden in diesem Zusammenhang Übergangsregelungen festgelegt. Diese finden Sie hier.